Das kleine „Wunder von Werne“


Leo-Team ist die viertbeste Lehrervolleyball-Mannschaft Nordrhein-Westfalens

Same procedure as every year – sieben Uhr früh an einem sommerlichen Samstagmorgen. Die Aachener City döst noch vor sich hin, menschenleer sind die Straßen. Acht mehr oder weniger verschlafene Gestalten nähern sich dem Lehrerparkplatz an der Jesuitenstraße. Konspirative Begrüßungsformeln, stumme Umarmungen. Auf geht’s mit drei Wagen nach Werne ins Ruhrgebiet. Zum sechsten Mal  in Folge ist die Lehrervolleyball-Mannschaft von St. Leonhard ins NRW-Finale gekommen. Schon damit hat die Schule einen einsamen Rekord aufgestellt. Und sicherlich ist sie eine von ganz wenigen, die wirklich ausschließlich mit Spielern und Spielerinnen aus dem eigenen Kollegium antritt.


Seit einigen Jahren hat der Westdeutsche Volleyballverband die Bedingungen gelockert: Auch ein Team, das sich aus Lehrern von mehreren Schulen zusammensetzt, darf zu den Ausscheidungsspielen und gegebenenfalls zum Finale gemeldet werden.  Mit von der Partie sind für St. Leonhard wie jedes Jahr Chef-Coach und Organisator Lutz Kinny, die „Oldies but Goldies“ Irmgard Vogel und Vera Kühn, wieder einmal Veteran Boris Meltzow; schon zum zweiten Mal stehen die Youngster Fabian Schneider und Manfred Hannappel auf dem Feld, und als Neulinge feiern Stefanie Hollands und Referendar Sebastian Kohlhaas an diesem zehnten Juni Premiere. Um es vorwegzunehmen: Die Mischung aus Alt und Jung, erfahrener Reife und jugendlichem Ungestüm hat nicht nur ihren eigenen Charme, sie ist auch äußerst erfolgreich.

In der Vorrunde sind acht Sätze gegen vier Gegner zu bestehen. Das Team von Lutz Kinny zeigt im ersten Satz gegen das Berufskolleg Köln Nerven, muss sich erst noch finden, ein paar unnötige Fehler führen zum Satzgewinn der Kölner. Doch bereits im zweiten Durchgang spielt die Leonharder Truppe stark auf und lässt ihr tolles Potenzial aufblitzen. 1 : 1 heißt es nach rund vierzig Minuten, und die Bilanz von 46 : 36 Punkten für Aachen kann sich sehen lassen.

Keiner weiß gegen 11.15 Uhr, als das Dream-Team mit dem Vier-Sterne-Logo auf dem Trikot gegen eine bislang unbekannte Realschule aus Bottrop antritt, dass man es hier mit dem späteren Pokal-Sieger zu tun hat. Gerüchten zufolge spielt diese Schule mit einem geschätzt 2,10 Meter großen Ex-Bundesliga-Spieler und einem aktuellen Oberliga-Spieler auf. Leonhard resigniert zu keinem Moment, zeigt eine unglaubliche Kampfmoral, muss sich aber schließlich mit mehr als achtbaren 40:50 Punkten in zwei Sätzen dieser gewaltigen Übermacht geschlagen geben. 

Wenig später der neue Gegner: das Förderzentrum Ost Willich. Die „Leos in Bunt“ laufen zur Hochform auf.  Gibt es eigentlich noch andere Mannschaften in dieser Halle des Sportzentrums Lindert an der Kardinal-von-Galen-Straße? Der Spielort bebt von unzähligen „Leo-GOOOOO“ und „Punkten, Leo, punkten!“-Schlachtrufen, den nimmermüden, lautstarken Anfeuerungen der pausierenden Bank-Spieler sowie des Schlachtenbummlers Rik Kühn aus Aachen und des eigens aus Mülheim an der Ruhr angereisten kleinen, aber feinen Fanclubs.
„Dame, Bube, König, Ass – gib Gas - das macht Spaß!“, so werden regelmäßig die erfolgreichsten Aufschläge bejubelt. Mehrfach in den jetzt folgenden Spielen der Vorrunde liegen die Leonharder deutlich zurück. Aber mit grandiosen Angaben-Serien von Chef-Coach Lutz Kinny und Aufschlagswunder Irmgard Vogel - angefeuert von der nur Eingeweihten verständlichen Geheimformel „Vo-gel-schwin-ge, Vo-gel-schwin-ge“ -  holen die Aachener Punkt für Punkt auf, kämpfen sich zurück, um dank ihres einzigartigen Team-Spirits den erblassenden Gegner mit 27:25 oder 25:23 in letzter Minute endgültig in die Knie zu zwingen.

So ergeht es auch dem vierten Vorrunden-Kontrahenten, dem Hönne Berufskolleg Menden. Die Referendare Manfred Hannappel und Sebastian Kohlhaas kratzen Bälle vom Boden und legen Laufwege zurück, die physikalisch gesehen vollkommen unmöglich sind und sogar dem Gegner spontane Gratulationen und Beifall auf offener Szene abverlangen. Immer wieder setzt Stefanie Hollands zu ihren charakteristisch eleganten, weiten und hohen Angriffsschlägen an. Vera Kühn, stolz darauf, die wahrscheinlich einzige Pensionärin des gesamten Turniers zu sein, konzentriert sich auf solide Abwehrarbeit, Irmgard Vogel beeindruckt wie immer durch unglaublich konstante, verlässliche Annahmen und starkes, präzises Zuspiel. Die gemeinsam unwiderstehlichen Block-Wunder Meltzow, Kohlhaas und Kinny rauben dem gegnerischen Angriff mehr und mehr die Moral; Fabian Schneiders unfassbarer linker Angriffshammer bringt gegnerische Blöcke reihenweise zur Verzweiflung. So muss das Ergebnis letztlich 2 : 0 für Sankt Leonhard heißen – und das bedeutet: Wow! Halbfinale!

Hier spielt Aachen als Gruppenzweiter gegen den Ersten der Parallelgruppe, das Gymnasium Herzogenrath, den NRW-Meister von 2016. Nachdem dieser in den Ausscheidungsspielen im März 2017 überraschend geschlagen werden konnte, keimten hier und da zarte Hoffnungen auf ein „großes Wunder von Werne“. Beim Spiel gegen das Nachbargymnasium bäumen sich die Leonharder noch einmal mächtig auf und halten lange stand, müssen aber der homogeneren Mannschaft schließlich den Vortritt lassen. Die beiden Sätze werden mit 19:25 und 20:25 verloren. Das anschließende Spiel um Platz 3 kann die Fritz-Winter-Gesamtschule Ahlen für sich entscheiden.

St. Leonhard ist nun die viertbeste Lehrer-Volleyball-Mannschaft Nordrhein-Westfalens – nach dem siebten Platz im Vorjahr 2016 ist damit immerhin das kleine „Wunder von Werne“ erreicht.

In einem sehenswerten, dramatischen und hochklassigen Finale muss sich der Vorjahressieger Gymnasium Herzogenrath dann dem Neuling, der Marie-Curie-Realschule Bottrop,  geschlagen geben.

Und dann heißt es wieder: „Same procedure as every year“ – Aufstellen zum Gruppenfoto! Referendar Sebastian Kohlhaas setzt eine aussichtsreiche Beamtenlaufbahn aufs Spiel, indem er heimlich den Siegerpokal vom Tisch der Turnierleitung entwendet – allerdings nur für ein schnelles Angeberfoto mit Augenzwinkern.

Und noch einmal: „Same procedure…“. Nach der Siegerehrung ist ein langer, heißer, packender Tag zu Ende; das Leo-Team hängt abgekämpft,  müde und glücklich auf den Rängen und labt sich an dem Inhalt der Kühltasche, die Coach Lutz Kinny wie immer für alle gut gefüllt hat mit Bier, Fassbrause oder Radler.
Kollegen, es war wieder fantastisch, mit euch zu spielen, zu toben, zu jubeln, zu fighten, Siege zu feiern! Danke für das alles und „Auf Wiedersehen“ in Werne oder anderswo 2018!

Vera Kühn

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